Sprachen:
// Aktuelles // Modernes Erbe in Beton

Modernes Erbe in Beton

05/07/2019

Betonbauten prägen das Bild der frühen Moderne und noch viel mehr das der Nachkriegszeit. In den sechs 2008 als UNESCO-Welterbe ausgewiesenen “Siedlungen der Berliner Moderne” fand Beton als innovativer Baustoff Verwendung. Der denkmalgerechte Sanierungs- und Pflegeaufwand von Betonbauten ist daher eine der zentralen Aufgaben der heutigen Denkmalpflegepraxis. Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen des UNESCO-Welterbesonntags am 3. Juni 2018 das 10jährige Jubiläum der Einschreibung von sechs Siedlungen der Moderne in die Welterbeliste mit einem Denkmaldialog zum Thema „Modernes Erbe in Beton“ gewürdigt. Sechs prominente Fallbeispiele wurden in den Fokus gestellt und die jeweiligen Sanierungsmethoden im Sinne von beispielhaften Einzelfallentscheidungen diskutiert.

Das erste Anschauungsobjekt war das Tribünengebäude der Pferderennbahn Hipódromo de la Zarzuela in Madrid, das durch die spanischen Architekten Ana und Jeronimo Junquera eine Betonsanierung erfahren hatte. Die behutsame Betoninstandsetzung umfasste neben Reinigung und Korrosionsschutzbehandlung ein aufwändiges Injektionsverfahren der zahlreichen Risse. Abschließend wurde die ursprüngliche Oberflächenstruktur mit ihrem charakteristischen Schalungsmuster wiederhergestellt und eine atmungsaktive Imprägnierung aufgebracht.

Im nächsten Beitrag wurde ein Denkmalpflegeplan vorgestellt, der für die berühmte Jahrhunderthalle in Breslau zur nachhaltigen Pflege des Stahlbetonbaus erarbeitet worden war. Die Vorgaben fokussieren sich dabei auf die Attribute und Merkmale, die den außergewöhnlichen universellen Wert als Welterbe begründen, wie die authentische architektonische Form, die einzigartige Bautechnik und die verwendeten Baustoffe. Allen Maßnahmen müssen daher historische Studien, technologische Analysen sowie eine Welterbeverträglichkeitsuntersuchung vorgeschaltet werden. Der Denkmalpflegeplan für die Jahrhunderthalle in Breslau ist polenweit das erste Dokument dieser Art und wird derzeit in der Praxis erprobt.

Im folgenden Vortrag berichtete Cédric Avenier von der Hochschule für Architektur in Grenoble vom aktuellen Zustand des ersten in Europa von Auguste Perret (1874-1954) aus Stahlbeton errichteten Turmes. Mittlerweile weist er ein über 360° und knapp 100 m reichendes umfangreiches Schadensbild auf. Nun soll das Aushängeschild des Stahlbetonbaus, immerhin zählt Grenoble zu den Städten mit einer florierenden Zementbranche und einer darauf spezialisierten Wissenschaftslandschaft, mit einem Pilotprojekt der Betoninstandsetzung gewürdigt werden.

Der Beitrag von Błażej Ciarkowski von der Universität Lodz beschäftigte sich mit dem Forschungsvorhaben InnovaConcrete Project, in dem innovative Materialien und Techniken für die Konservierung von Betonbauten des 20. Jahrhunderts entwickelt werden sollen, und zwar beispielhaft an den Pavillons der Bahnstationen der Warschauer Cross-City Railway. Die Stahlbetonschalen aus den frühen 1960er Jahren weisen intelligente Strukturformen wie hyperbolische Paraboloide, Konoide und Rotationshyperboloide auf. Das materialspezifische Universitätsprojekt hat eine Laufzeit von 2018 bis 2020.

Von der Instandsetzung des Mariendoms in Velbert-Neviges berichtete der Architekt Peter Böhm aus Köln. An diesem ungewöhnlichen Kirchenbau mit einer komplexen Geometrie traten schon bald nach der Fertigstellung Schäden auf. Ende 2010 wurde mit einer Musterinstandsetzung eines ersten Teilstücks des insgesamt 300 m² messenden Daches begonnen. Dazu musste zunächst eine 1986 aufgetragene Epoxidharzschicht entfernt und das Betondach sandgestrahlt werden. Danach wurden Schadstellen und Risse im Stahlbeton mit einer Dichtungsschlemme geschlossen. Anschließend erfolgte der Auftrag von insgesamt drei Lagen Spritzbeton mit zwei Einlagen Carbonfasergewebe. Inzwischen sind die Arbeiten abgeschlossen.

Im letzten Vortrag stellte Lara Melo Souza von der Denkmalschutzbehörde in São Paulo, Brasilien, die Instandsetzungsarbeiten an Dach und Fassade des Fakultätsgebäudes für Architektur und Stadtplanung der Universität von São Paulo vor. Die umfangreichen Arbeiten an dem von João Batista Vilanova Artigas (1915-1985) 1961 begonnenen und 1968 abgeschlossenen Bau wurden 2015 beendet. Einzig eine befriedigende Lösung zur Gestaltung der Betonoberflächen konnte bislang nicht gefunden werden.
Die diskutierten Beispiele zeigten sehr deutlich, dass jedes Objekt über spezifische Eigenarten in der Bau- und Alterungsgeschichte verfügt und somit einzigartig ist. Auch wenn es bislang keine Patentrezepte gibt, sind doch grundsätzliche Herangehensweisen sowie restauratorische und handwerkliche Arbeitsabläufe von Objekt zu Objekt übertragbar.

Homepage Landesdenkmalamt Berlin