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DER EHEMALIGE KZ-KOMPLEX NATZWEILER-STRUTHOF

Europa: Erinnern und Aufbruch VGKN

DER EHEMALIGE KZ-KOMPLEX NATZWEILER-STRUTHOF

Das Konzentrationslager Natzweiler in den Vogesen gehört zu den „großen“ Konzentrationslagern Nazideutschlands. Es wurde 1941 im annektierten Elsass gegründet und war der am weitesten westlich gelegene Fixpunkt des KZ-Systems. Als die Alliierten immer mächtiger wurden und viele Männer an den Fronten gebunden waren, griff die deutsche Rüstungsindustrie zunehmend auf die Arbeitskraft von KZ-Häftlingen zurück. So wurden zwischen 1942 und 1945, meist direkt an den Industriestandorten oder bei Flughäfen, mindestens 55 Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler errichtet: in Lothringen, dem Elsass, in Hessen, vor allem aber in Baden und Württemberg. Nicht selten handelte es sich bei den Industrieprojekten um aufwändige Untertage-Verlagerungen ganzer Fabriken. Insgesamt starben im KZ-Komplex Natzweiler-Struthof etwa 22.000 Menschen aus 30 Nationen durch Hunger, Kälte und absolute Erschöpfung.
Verstärkt seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts setzten sich Bürgerinnen und Bürger an einigen ehemaligen Außenlager-Orten bzw. den damit verbundenen Produktionsstätten für die Einrichtung von Gedenkstätten ein. Jeder dieser Erinnerungsorte ist historisch gewachsen und besitzt ein eigenes, individuelles Profil. Den gemeinsamen Gegenstand der Erinnerung bilden das Unrecht und die Unterdrückung, die der multinationalen Häftlingsgesellschaft in den Außenlagern wiederfuhren. Das hatte zur Folge, dass die lokale Erinnerungsarbeit von Anfang an eine grenzüberschreitende, europäische Dimension erhielt.
Alle Gedenkstätten verstehen sich als historisch-politische Lernorte für Jugendliche sowie Erwachsene und haben ein differenziertes pädagogisches Angebot entwickelt. Zudem treten die Gedenkstätten mit ihrer Bildungsarbeit für Menschenrechte, für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, gegen Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ein.

DEUTSCH-FRANZÖSISCHE ZUSAMMENARBEIT IN DER ERINNERUNGSKULTUR FÜR GEDENKSTÄTTEN

Immer stärker ist bei den KZ-Gedenkstätten das Bewusstsein dafür gewachsen, dass sie eine gemeinsame Geschichte bearbeiten. So entstand eine enge Zusammenarbeit der Gedenkstätten untereinander, woraus sich der Verbund der Gedenkstätten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler-Struthof (VGKN) gebildet hat. In enger Kooperation mit dem in Frankreich gelegenen Ort des ehemaligen Hauptlagers sowie dem dort angesiedelten Centre Européen du Résistant Déporté (CERD) wurden und werden Projekte einer europäischen Erinnerungskultur erarbeitet und umgesetzt.

RELIKTE DES TERRORS – EIN ERFASSUNGSPROJEKT DES LANDESAMTES FÜR DENKMALPFLEGE

Nicht alle Orte, an denen die Häftlinge einst untergebracht waren oder arbeiten mussten, haben bis heute überdauert. Einige Tunnel oder Stollen sind inzwischen verfüllt, manchmal findet man heute an den ehemaligen KZ-Standorten Wohn- oder Gewerbegebiete. An einigen abgelegenen Plätzen sind noch zu gewucherte Ruinen betonierter Industrieanlagen oder Gebäudereste und Barackenfundamente mitten im Wald erhalten. Diese Überreste entfalten eine besonders eindringliche Zeugniskraft, wenn es gelingt, sie zum Sprechen zu bringen. Dazu müssen sie in den historischen Zusammenhang gestellt und auf ihre Deutungsmöglichkeiten befragt werden.
Aus diesem Grund wird sich die Landesdenkmalpflege in Baden-Württemberg in den nächsten vier Jahren im Rahmen eines Erfassungsprojektes verstärkt um die Relikte des Lagerkomplexes Natzweiler kümmern. Dabei kommen Methoden der Bau- und Kunstdenkmalpflege, aber vor allem der zeithistorischen Archäologie zum Tragen. Mithilfe der letzteren können dem Boden einstiger Lagerstandorte Informationen abgerungen und Lücken der schriftlichen und mündlichen Überlieferung geschlossen werden. Im Idealfall können auch neue Erkenntnisse zur baulichen Gestalt und Entwicklung der Lager oder zum Alltagsleben der Gefangenen gewonnen werden.

PROJEKTE IM RAHMEN DES EUROPÄISCHEN KULTURERBEJAHRES

Im Europäischen Kulturerbejahr haben sich verschiedene Partner grenzübergreifend zusammengefunden, um dem Themenkomplex mithilfe neuer medialer Möglichkeiten und Projekte mehr Sichtbarkeit zu verleihen und ihn auch didaktisch fruchtbar zu machen. Beteiligt sind das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg, das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, der Verbund der Gedenkstätten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler e.V. (VGKN), das Centre Européen du Résistant Déporté (CERD) sowie die beiden Künstlergruppen Quinz’Art und PLAKAT WAND KUNST. Unterstützung erhalten sie aus dem europäischen Förderprogramm Interreg, vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg, der Obersten Denkmalschutzbehörde des Landes, der Baden Württemberg Stiftung, der Direction Régionale des Affaires Culturelles und der Région Grand Est.

FRANZÖSISCH-DEUTSCHES KUNSTPROJEKT „FRATERNITÉ/BRÜDERLICHKEIT“

Im Rahmen des Kunstprojektes werden sich 32 deutsche und französische Künstler/innen in gemischten Tandems mit dem KZ-Komplex Natzweiler auseinandersetzen und gemeinsam 16 großformatige Gemälde auf Holzwänden gestalten. Zuvor haben bereits deutsche und französische Jugendliche aus Schulen in der Nähe der Gedenkstätten diese besucht und sich fotografisch-künstlerisch mit dem Bestand auseinandergesetzt.
Andere Jugendliche werden unter Impulsgebung der Künstler/innen ihre Eindrücke und Gedanken zu den Gedenkstätten unter dem Motto „Was bleibt? – Que reste-t-il?“ künstlerisch verarbeiten.

WANDERAUSSTELLUNG IN STUTTGART UND CERD/NATZWILLER

Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen werden in eine Wanderausstellung einfließen. Im Haus der Wirtschaft in Stuttgart werden ab dem 12. Juni 2018 sechs der großformatigen Kunstwerke sowie die damit verbundenen Schüler/innen-Arbeiten gezeigt werden, dazu die Ausstellungstafeln des Schüler/innen-Fotoprojekts „Natzweiler und Außenlager“. Weitere zehn der großformatigen Gemälde werden ab dem 24. Juni 2018 im Außengelände des Centre Européen du Résistant Déporté (CERD) beim ehemaligen Hauptlager zu sehen sein. In Stuttgart werden zudem Informationstafeln und ein Film das denkmalfachliche Erfassungsprojekt „Natzweiler Außenlager“ beleuchten; eine Begleitveranstaltung am 29. Juni lässt Projektbeteiligte aus beiden Ländern aus Sicht von Denkmalpflege, Kunst und Gedenkstätten zu Wort und Austausch auf ein Podium kommen.

Im September/Oktober wandern dann 14 Groß-Kunstwerke sowie ausgewählte Arbeiten von Schüler/innen in die 14 französischen und deutschen Außenlager-Gedenkstätten auf beiden Seiten des Rheines.

DIDAKTISCHE WERKZEUGKÄSTEN

Die Ergebnisse des Projektes fließen in www.sharingheritage.de sowie in die Website www.denkmal-europa.de der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger ein. Dort entsteht darüber hinaus eine didaktische Toolbox, die Kulturvermittler/innen Handreichungen zur Beschäftigung mit dem Thema gibt. Daneben wird ein didaktischer Baukasten zum Thema „Europäische Bedeutung der Natzweiler-Gedenkstätten“ entwickelt, der Lehrer/innen auf beiden Rheinseiten zur Verfügung gestellt wird.

AUSZEICHNUNG MIT DEM EUROPÄISCHEN KULTURERBE-SIEGEL
Kurz vor dem Auftakt des Europäischen Kulturerbejahres wurde bekannt, dass das ehemalige Konzentrationslager Natzweiler und 14 seiner Außenlager beiderseits des Rheins das Europäische Kulturerbe-Siegel erhalten sollen. Dieses Siegel wird von der Europäischen Union ausgestellt und hat zum Ziel, die europäische Dimension der Kulturgüter, Denkmäler, Natur- und Stadtgebiete, Gedenkstätten und Zeugen der Geschichte als Teil des europäischen Erbes herauszustellen.
Zum ersten Mal wird das Siegel an eine grenzübergreifende Stätte vergeben. Die Vergabe des Siegels an die 15 Gedenkstätten von „Natzweiler“ auf beiden Seiten des Rheins zeigt, dass es möglich ist, aus Orten eines mörderischen Zivilisationsbruchs Orte der Versöhnung und einer demokratischen Wertevermittlung zu machen – nur in diesem Sinn können sie als Teil des europäischen Kulturerbes verstanden werden.

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