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Die Tour der Arbeit

Europa: Gelebtes Erbe Industriesalon Schoeneweide e.V.

Eine Führung zu den authentischen Orten der Arbeitswelten in Berlin-Schöneweide

Mit der Aufnahme der Kabelproduktion im Jahr 1897 wurde "die schöne Weyde" zu einem europäischen "Schmelztiegel". Aus ganz Europa kamen Frauen und Männer in den gerade erst entstehenden Industrieort Schöneweide, um hier Arbeit zu finden. Die expandiere Industrie brauchte Arbeitskräfte und versuchte sie vor Ort zu halten. Bis heute zeugen die kommunalen Serviceeinrichtungen von den damaligen Integrationsbemühungen der heterogenen Arbeiterschaft.

Im 2. Weltkrieg wurden die Industrien auf Kriegsproduktion umgestellt. Etwa 7.000 der insgesamt etwa 30.000 Arbeitskräfte waren Zwangsarbeiter*innen, die aus in den von Deutschland besetzten Gebieten
deportiert wurden. In ganz Schöneweide dürften etwa 50 verschiedenste Lager existiert haben, in denen Kriegsgefangene aus Italien neben Ukrainerinnen und Jüdinnen aus Ravensbrück nach der schweren Arbeit eingefercht wurden.

Sicherlich besser erging es dann den "Vertragsarbeitern", die die Produktion im "Herz der Energiewirtschaft der DDR" in Schöneweide unterstützen sollten. Ab 1968 kamen sie zunächst aus Ungarn, dann folgten "Sozialistische Brüderländer" wie Vietnam und Mosambik. Einige von ihnen sind geblieben und arbeiten bis heute in den Imbissen entlang der Wilhlelminenhofstraße.

Die „Tour der Arbeit“ soll im Rahmen von Führungen realisiert werden, die der Industriesalon Schöneweide e.V. zum Thema „Industriekultur“ seit einigen Jahren vor Ort anbietet. Sie führen durch unterschiedlichste Arbeitswelten - von der klassischen Hochindustrie bis zu Arbeits-Szenarien der nicht mehr fernen Zukunft.

Mit der „Tour der Arbeit“ ergibt sich eine spannende Möglichkeit, historische Bildungsarbeit in neuer Form mit gegenwartsbezogenen Themen zu verbinden. Die Teilnehmer*innen sollen in ihrer Gegenwart abgeholt werden – in einer Zeit also, in der die Arbeitswelt von starken Veränderungsprozessen geprägt ist. Die „Tour der Arbeit“ durch Oberschöneweide soll Einblicke geben in die Entwicklung der Industriearbeit und Vergleiche mit der Gegenwart ermöglichen.

Die Tour handelt von den vielfältigen, widersprüchlichen und sich immer wieder wandelnden Arbeitserfahrungen im Prozess der Hochindustrialisierung. Harte körperliche Anstrengung etwa in dem von der AEG in Schöneweide angesiedelten Kabelwerk und angeschlossenem Kupferwalzwerk gehörten damals zum Alltag. Zudem mussten die Arbeitsbedingungen immer wieder in Streiks den Arbeitgebern abgerungen werden.
Die Zeiten der rauchenden Schlote und der monotonen Arbeit in der Massenproduktion ist - zumindest in unseren Breitengraden - weitestgehend vorbei. Obwohl sie noch nicht einmal hundert Jahre zurückliegen, sind die prägenden Einflüsse auf Lebensstil, Haltungen und Einstellungen der Arbeitswelten weitgehend aus dem Bewusstsein verschwunden.

Anknüpfungspunkte auf der Tour sind die „Kathedralen“ der Industriezeit, die Oberschöneweide bis heute prägen. Sie werden neu erlebbar als authentische Orte der Arbeit. Für die verschiedenen Zeitabschnitte sollen typische Biografien im Kontext der jeweiligen Zeit erstellt werden – vergleichbar einer fiktiven Dokumentation, die ihren konstruierten Charakter nicht verleugnet und die dennoch das Thema Arbeit im Zeitenwandel lebensnah vermittelt. In einer Art Ich-Erzählung berichten Arbeiter*innen, Angestellte, Mitarbeiterinnen und Geschäftsführer an ihrem ehemaligen oder heutigen Arbeitsplatz von ihren Arbeitsbedingungen und ihrem persönlichen Erleben ihrer Arbeitssituation.

Der Vergleich zwischen der klassischen Industriearbeit und unseren heutigen Erfahrungen lässt den schnellen Strukturwandel der Arbeitswelt deutlich werden, mit allen Chancen aber auch Verunsicherungen die damit einhergehen. Die Arbeitswelt der Zukunft unterscheidet sich fundamental von der Industriearbeit der Vergangenheit – aber wird sie auch besser sein?

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