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Europäer in Hamburg: Das Künstlerhaus von Richard und Ida Dehmel

Europa: Erinnerung und Aufbruch Dehmelhaus Stiftung

Vor 100 Jahren verband das Dehmelhaus das Fischerdorf Blankenese mit den Zentren der europäischen Avantgarde: Der Dichter Richard Dehmel (1863-1920) und seine kunstfördernde Frau Ida (1870-1942) pflegten ein länderübergreifendes Netzwerk mit führenden Künstlern ihrer Zeit. Neben Peter Behrens, Walther Rathenau und Harry Graf Kessler zählten dazu die Österreicher Adolf Loos und Stefan Zweig, die Belgier Henry van de Velde und Emile Verhaeren, die Franzosen Paul Claudel und Henri Albert und viele mehr. Schon in seiner Berliner Zeit in den 1890er Jahren hatte Dehmel offen seine europäische Gesinnung bekundet. Er war mit dem polnischen Schriftsteller Stanisław Przybyszewski befreundet und verkehrte im Kreis der skandinavischen Künstler um Edvard Munch und August Strindberg. Seine Gedichte inspirierten den Finnen Jean Sibelius ebenso zu neuen Kompositionen wie Richard Strauss und die Wiener Arnold Schönberg und Alma Mahler.

Nach einer zweijährigen Europareise hatten Richard und Ida Dehmel sich bereits 1901 in Blankenese vor den Toren Hamburgs niedergelassen. Ihre als Gesamtkunstwerk ausgestaltete Wohnung wurde zum Anziehungspunkt für Maler, Bildhauer, Komponisten, Regisseure, Verleger und Schriftsteller aus dem In- und Ausland. 1913 machten Freunde und Verehrer Richard Dehmel das von ihm im Jahr zuvor zusammen mit dem Architekten Walther Baedeker gestaltete Haus zum Geschenk. Hier fanden die von Dehmel entworfenen Möbel, das wachsende Archiv und die Bibliothek französischer Literatur Platz. Die italienische Tageszeitung Corriere de la Sera titelte „Dem größten deutschen Dichter wurde eine Villa geschenkt“. Im Paris Journal hieß es „Er hat die Sorgen und die Hoffnungen unserer Zeit übersetzt“. Ein Nachrichtenblatt in Reykjavik druckte das Gedicht „Sommerabend“ auf Seite eins, in Bulgarien wurde „Oh singe, Herz von Richard Dehmel“ geschrieben. Dehmels lyrische Werke verkauften sich in hohen Auflagen und wurden in 22 Sprachen übersetzt. Nach seinem Tod pflegte Ida Dehmel den schriftstellerischen Nachlass, bewahrte das gemeinsame Haus und belebte es mit Veranstaltungen neu. Hier entwickelte sie ihre Idee der spartenübergreifenden Vereinigung von Künstlerinnen und Kunstförderern GEDOK. Doch die Nationalsozialisten setzten ihrem Wirken ein vorläufiges Ende.

Nach der Restaurierung ist das Dehmelhaus nun zu neuem Leben erwacht. Ab Frühjahr 2018 gibt es wieder Führungen, eine kleine Ausstellung macht das grenzüberschreitende Künstlernetzwerk von Richard und Ida Dehmel sichtbar. In Kooperation mit der Europa-Universität Viadrina wurde die Geschichte des Dehmelhauses umfassend erforscht. Die Ergebnisse werden 2018 veröffentlicht.