// Projekte // Herkunft hat Zukunft

Herkunft hat Zukunft

Europa: Gelebtes Erbe Bonifatiuswerk

Immer wieder ist zu hören, dass christliches Brauchtum und christliche Traditionen im europäischen Kontext (anscheinend) zunehmend Bedeutung verlieren. Sie waren und sind nachweislich die materiellen und kulturellen Wurzeln Europas und bieten auch heute einen Deutungshorizont für die Fragen menschlicher Existenz und gesellschaftlichen Zusammenlebens. Wie Jugendstudien belegen (u. a. die Sinus-Jugendstudie 2016), haben Jugendliche „ein Bedürfnis nach Sinnfindung“. Sie sind „jedoch häufig als „religiöse Touristen“ mit einem individuell zusammengestellten Patchwork aus einer Vielzahl von religiösen, quasireligiösen bzw. spirituellen Angeboten“ unterwegs. Dabei stehen der „individuelle Glaube, die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft und die aktive Mitwirkung in dieser Glaubensgemeinschaft […] für viele Jugendliche nach wie vor in keinem direkten Zusammenhang, sondern werden häufig voneinander getrennt betrachtet“. Die Studien belegen jedoch deutlich, dass ein „Interesse an Sinnfragen unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft“ existiert. Es ist nachvollziehbar, dass Familien bei der Weitergabe von Brauchtum und Traditionen eine besondere Bedeutung zukommt. Mit zunehmenden Alter der Kinder verliert sich jedoch der Bezug immer mehr. Sie wollen selbst auf Entdeckungsreise in ihrem Leben gehen und ihrem Leben Sinn geben. Christliche Initiationsriten als Wegmarken wirken hierbei nur punktuell und verblassen, Lebenskrisen (positive und negative) werfen aber Fragen auf, die nach Deutung rufen: „Die christlichen Jugendlichen berichten beispielsweise nicht davon, dass Firmung oder Konfirmation ein Anlass gewesen wäre, den eigenen Glauben zu überprüfen. Vielmehr bestärken andere entscheidende Ereignisse, die man (mit)erlebt oder antizipiert (wie z.B. Hochzeit oder Tod), die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft.“ Hinzu kommt die Herausforderung für Heranwachsende, sich in ihrer Lebensumwelt neu zu verorten und auf Sinnfragen selbst Antworten zu finden. Hier leisten christliche Bräuche und Rituale einen starken Beitrag zur sinnvollen Glaubens- und Lebensgestaltung, der darüber hinaus eine grenzüberschreitende Garantie eines friedvollen Zusammenlebens sein kann . Wie das Leben sich wandelt, so wandelt sich auch der Bezug zu diesen Bräuchen und Ritualen. Manches gewinnt neu an Bedeutung und findet stärkere Betonung. Neue Bräuche und Traditionen etablieren sich, anderes wird wiederbelebt. Mit ihnen sind stets besondere Identifikationsfiguren verbunden, die anschauliche und nachvollziehbare Beispiele dafür geben, wie der persönliche Glaube in die Biografie integriert und gelebt werden kann. Jugendlichen fällt es jedoch zunehmend schwer, ihr Glaubensleben im Alltag zu verorten und einen lebendigen Glauben erwachsen zu lassen, der auch gemeinschaftsstiftend ist. Hier braucht es Hilfen, die intrinsische Motivation zur Sinnerkenntnis/Selbsterkenntnis und die Erweiterung von Kompetenzen fördern – auch über die Zeit der Initiationsriten/-sakramente hinaus.

Wenn davon ausgegangen wird, dass das Christentum ein lebendiges, kulturelles Erbe in Europa (und darüber hinaus) ist und wenn fernerhin angenommen wird, dass christliches Brauchtum und Traditionen eine starke Funktionen beim Finden von Antworten nach Zielen und Sinn im Leben bietet und wenn zudem angenommen wird, dass Heranwachsende Sinn- und Orientierungssuchende sind, dann brauchen sie starke Partner und Hilfsmittel, die kulturellen Wurzeln ihrer Lebenswelt für sich fruchtbar werden zu lassen. Damit die Wurzeln nicht nur trockenes Holz der Vergangenheit sind.

Um sich mit dem sie umgebenden christlichen kulturellen Erbe zu befassen, werden Jugendliche, vornehmlich im Umfeld von Schulen, ein Thema auswählen und diese Person, diesen Ort, dieses Fest und dessen Bedeutung als kulturelles Erbe für Jugendliche in Form von Videoformaten und Digitalfotografien darstellen. Während des Prozesses tauschen sie ihre Ideen und Zwischenergebnisse mit anderen Gruppen aus. Hierfür wird eine digitale Plattform geschaffen. Das entstehende Bildmaterial wird in einem Wettbewerb prämiert und vorwiegend über digitale Kanäle veröffentlicht. Während des Prozesses werden die Jugendlichen didaktisch begleitet, sodass sie ihr Tun im christlichen kulturellen Erbe verortet wissen und darüber reflektieren. Durch dieses Lernen als "Widerfahrnis" schärfen sie ihre Kompetenzen, um das europäische Erbe als für sich relevant zu erkennen und auskunftsfähig zu sein. Damit aktualisieren sie gleichsam das Erbe und geben ihm so – wo nötig – neues Leben.

Mediatoren werden die am Projekt teilnehmenden Pädagogen und Didaktiker schulen. In dezentralen Workshops werden sie themenspezifisch und in den genannten digitalen Medien fortgebildet. Projekttage zu europäischen Schwerpunkten christlicher Kultur unterstützen diese Herangehensweise.

Eine Europawoche mit zentralen Persönlichkeiten aus Pädagogik, Mediendidaktik und Theologie ergänzt die digitalen Projektanteile um einen fachwissenschaftlichen Schwerpunkt mit entsprechen Publikationen. Ein Kongress zum Ende des Kulturjahres nimmt die interreligiöse und politische Dimension des christlichen Erbes Europas in den Blick. Dieser Kongress steht daher als inhaltliches Ausrufezeichen hinter den über das Jahr geplanten Projekten.

Das Projekt wird im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres 2018 von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert.

Ähnliche Projekte