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Identitätsschlüssel Kulturerbe – Reportage

Europa: Erinnerung und Aufbruch Katja Trautwein

Großbritannien tritt aus, ein Beitritt der Türkei war wohl noch nie aussichtsloser, in Spanien und Italien kämpfen Regionen um ihre Abspaltung, die polnische Regierung untergräbt Grundpfeiler der Demokratie, europafeindliche Politiker und Parteien feiern einen Wahlerfolg nach dem anderen – kurzum, in den Worten des Zeit-Redakteurs Martin Klingst: „Es steht schlecht um die Einheit der Europäischen Union."*

Die EU scheint sich von innen heraus zu zersetzen. Wo ist es geblieben, das europäische Gemeinschaftsgefühl, die europäische Identität? Befindet sich Europa in einer Identitätskrise oder ist die gemeinsame Identität gar ein einziges Hirngespinst?

Eine demokratische politische Gemeinschaft kann nur auf der Basis von, aus einer kulturellen Gemeinschaft entwachsenden, Solidarität und Verbundenheit entstehen**, so Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main. Zu diesem Ergebnis kommt auch die im Auftrag des Europäischen Parlaments durchgeführte Studie Europäische Identität (2017): „Für die EU ist die Förderung eines Zugehörigkeitsgefühls nichts weniger als eine Unabdingbarkeit, will die Union als politische Einheit Bestand haben [...]“***. Die Schlüsselrolle komme dabei der Vermittlung von Geschichte und Kultur zu, denn ohne Zugang zur gemeinsamen Vergangenheit gebe es keine Basis zur Gestaltung einer gemeinschaftlichen Gegenwart und Zukunft.

Mit dieser Absicht hat die Europäische Union das Jahr 2018 zum European Year of Cultural Heritage ausgerufen. Die Europäer sollen im eigenen Land die kollektive Dimension ihrer Vergangenheit erfahren – Geschichte erleben und in interkulturellen, transnationalen Dialog treten. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Einbindung der sogenannten Jungen Erben. Kinder und Jugendliche sollen aktiv an unser Kulturerbe, ob in materieller, immaterieller oder seit kurzer Zeit auch digitaler Natur, herangeführt werden.

Entlang von zwei, unter Berücksichtigung des genannten Fokus und der genannten Kulturerbekategorien ausgewählten, deutschen Projekten zum Europäischen Kulturerbejahr 2018, wird der Zuschauer auf eine etwa 30-minütige partielle Spurensuche mitgenommen. Das Geschehen soll mit wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie Statements politischer Vertreter der Kulturerbejahr-Initiative flankiert werden. Mit den Teilnehmer/innen wird erlebt, wie viel gemeinsames Europa in unserer mannigfaltigen Kulturgeschichte steckt, was wir aus unserem reichhaltigen Erbe für die Gegenwart sowie Zukunft schöpfen können, ferner wie die europäische Identität für ein nachbarschaftliches Miteinander und eine gemeinsame Verantwortung aussehen kann.

Ein bereit feststehender Screeningtermin sind die Tage des Films der Filmakademie Baden-Württemberg im Oktober 2018.