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Insterburg: Menschen machen die Stadt

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Insterburg in der Tiefe Ostpreußens zählt zu den wenigen Städten der Provinz, die noch mehrheitlich aus geschichtlichen Straßenzügen bestehen. Die meisten Steine sind noch im Belag, die Läden mit ihrer Werbung oder beschriftete Gullideckel, die Baumalleen spenden ihr Schatten, ganze zwei Burgen aus dem 13. Jahrhundert hat die Stadt - einzig verstummt sind sie, erzählen sie niemanden mehr ihr Wort. Wie auch anders, die letzten Altbewohner gingen 1949, die Neusiedler seit 1947 kannten ihre Sprache nicht. Wußten nicht, daß an dieser Ecke Musiklehrerin Fräulein Arnold die halbe Stadt Tanzen lernte, am anderen Tor der Turnierreiter Erich Woelki ausfuhr, jene Straße nach allseits beliebtem Bürgermeister Otto Rosenkrantz benannt war, und dort am Fluß Ännchen von Tharau ihre letzte Ruhe fand. Wollten wissen, scheiterten an den Zeichen; aus diesem "Sprachgeheim" entsprangen Mythen und Schrecken. Man ahnte Böses selbst in der Schulze-Delitzsch-Büste, selbst in der Bekennenden Kirche, unwissend was sie sind. Allen Heimatkundlern zum Trotz - oder gerade ihretwegen? Griffen sie doch nur Besonderes heraus, die wenigen Helden in ihrem Strahleglanz. Der Rest versank im Makaber, jedem Ring zum Hunde- oder Fahrrad-Anbinden dichtete man Folterkerkerei zu. Schnell griff man zur Selbsthilfe, "Entschlackte" die neue Heimat - riß die Häuser entzwei. Statt aufzubauen, fiel man herab: man baute nicht auf, sondern gleichsam gegen.

Aber auch die Hinterlassenschaften von vor 1991 sind einem inzwischen fremd. Die Namen, nun des Dichters Peter Gretschischnikow, des Bürgermeisters Dmitrij Krylow, der Melkerin Nina Poscharitzkaja oder des Chirurgen Leo Schor, die seit 1945 aus den Ruinen wieder eine Stadt entstehen ließen, sind heute Buchwissen bestenfalls: weiß wer noch wo ihre Betriebe, wo die Amtsstuben, wo die Wandelpfade lagen? Dabei sind auch ihre Erfolge und Nöte in den Straßen Insterburgs eingeschrieben, zusammen mit den unzähligen anderen, auch jenen von vor 1945: Menschen über Menschen, keine Helden, dafür vorbildhafte Bürger. Ihr Leben und Werk schufen zu jeder Zeit die Stadt, zumeist sogar in den selben Gemäuern - sie und nicht die wenigen Strahlemänner auf Durchreise können Bezugspunkte für neues Bürger-Sein sein. Heimatkunde, richtig angewandt, ist mehr als bloß Museenwissen - sie ist Befähigungsmittel!

“Menschen machen die Stadt” bringt Namen, Leben und Werke der Bewohner/innen ins Stadtbild zurück, die vor dem Kriege wie nach dem Kriege in Insterburg gewohnt und gearbeitet, beider Völker Geschichtsfäden zusammenfindend: an die 400 deutsche und russische Namen zählt bereits die Datenbank. Sie werden zwingend jeweils paarweise an den Fassaden angebracht, denn die Stadtgeschichte ist nicht separierbar. Was heute stumm und flach, gewinnt an Tiefe; vergessene Potenziale, der Anonimität entrissen, spornen zum Neuanfang an, ob in der Stadtbildpflege oder im neuen Gründertum. Ein Flecken auf der Landkarte wird zur Adresse, eine Wohnstätte zum Zuhause und ein Quartierant zum verantwortlichen Pfleger. “Menschen machen die Stadt” — Schule des Bürgersinns: alle sind zum mitmachen aufgerufen! Von der Jugend, die die Namen sammelt und die Tafeln anbringt bis zu den Rentnern, denen zu Lebzeiten die Ehre zuteil wird, die ihrer gebührt, über die Stadtgäste, denen die vielen Schichten der Stadtgeschichte erstmals verortbar, begreiflich werden.

Zwecks Beständigkeit und Schlichtheit werden die Tafeln auf grauem Faserzement gefertigt in DIN A3 Hochformat, immer paarweise, immer zweisprachig. Sie tragen im Schild ein Logo der zur Hälfte jeweils unvollständigen Stadt Insterburg und Projektmotto "Namen kehren heim". Sie werden dort angebracht, wo ein beachtenswerter Bürger lebte oder wirkte. Die Namen werden durch eine Jury geprüft, die aus Vertreter/innen der Stadt, der Kreisgemeinschaft der Vertriebenen und des Trägervereins paritätisch besteht. Die Arbeit erfolgt unabhängig, überparteilich und spendenfinanziert.

Als besonderen Unterabschnitt führt "Menschen machen die Stadt" die Aufstellung eines Denkzeichens an Stelle der einstigen Büste Schulze-Delitzschs vor der Insterburger Volksbank. Der Schattenriß soll übersetzen, was ins Granit gemeißelt ungelesen überdauerte: "Was du nicht allein vermagst, dazu verbinde dich mit Anderen, die das Gleiche wollen" - und "Tüchtige Bürger machen erst einen tüchtigen Staat, nicht umgekehrt".