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Neutras Erben: Schleswig-Holsteins unbekannte Moderne

Die europäische Stadt Kulturerben | Culture Heirs e.V.

Die 1963 errichtete Richard-Neutra-Siedlung in Quickborn zählt neben der gleichzeitig errichteten Neutra-Siedlung in Walldorf bei Frankfurt zu den frühesten deutschen Bungalowsiedlungen und bildet ein städtebaulich und architektonisch einzigartiges Bauensemble von internationalem Rang. Die Siedlung besteht aus 67 ein- bzw. zweigeschossigen Einzel- und Doppelhäusern, die in neun Typenbauten ausgeführt sind. Kennzeichnend für die Häuser sind typische Merkmale des Neutra-Stils wie große Glasflächen, fließende Übergänge zwischen Innen- und Außenräumen, „reflecting ponds“, überkragende Flachdächer und asymmetrische Grundrisse. Richard Neutra war es wichtig, die Bedürfnisse seiner Bauherren zu kennen. In diesem Zusammenhang schuf er den Begriff des „Biorealismus“, der den Menschen und seine sinnliche Wahrnehmung in Wechselwirkung mit der Umwelt ganzheitlich zu verstehen suchte. Die Bauten stehen seit 2006 unter Denkmalschutz.

In diesem Projekt sollen junge Quickborner „Kulturerben“ die Möglichkeit bekommen, die eigene unmittelbare Umgebung aus verschiedenen Blickwinkeln wahrzunehmen und sich im Sinne „Forschenden Lernens“ selbständig zu erschließen. Subjektive Eindrücke werden dabei ebenso erfasst wie historische Entwicklungen und aktuelle Herausforderungen. Diese gilt es zu dokumentieren.

Ziel ist die Erarbeitung einer Online-Publikation, in der Hintergründe und Besonderheiten des Entwurfs von Richard Neutra zur Geltung gebracht werden. Zugleich sollen aber auch ortsspezifische, vielfältige Wahrnehmungen und Bedürfnisse aus 60 Jahren Bewohnergeschichte angesprochen werden. Interviews mit langjährigen Bewohner*innen der Siedlung, Neuhinzugezogenen und Expert*innen werden durch historische und aktuelle Foto- und Filmaufnahmen der Häuser ergänzt. Parallel werden die Ideen der Moderne untersucht und gefragt, welche Rolle und welche Bedeutung die Siedlung für die Entwicklung eines schleswig-holsteinischen Dorfes hin zur Kleinstadt gehabt hat. Ist die Siedlung ein Fremdkörper wie ein "Iglu in der Wüste"? Ist Neutras Architektur Teil der „Europäischen Stadt“? Oder ist es internationale Baukultur, die - vor knapp 60 Jahren in die dörfliche Peripherie verpflanzt - eine Idee transportiert, die mittlerweile Teil des Selbstverständnisses unserer Gesellschaft geworden ist? Welche Visionen verbanden sich mit der Architektur? Welche lebensweltlichen Ansprüche hatten die Bewohner*innen? Was ist davon noch aktuell und was muss heutigen Ansprüchen angepasst werden?

Das Projekt greift damit die Idee des Europäischen Kulturerbejahres 2018 auf, sich interdisziplinär und generationenübergreifend mit dem kulturellen Erbe auseinanderzusetzen und gewonnene Erkenntnisse zu teilen: „Sharing Heritage“. Leitthemen sind das „Gelebtes Erbe“ und „Die Europäische Stadt“. Der angestrebte Diskurs der „Erben Neutras“ wird zeigen, welche Bedeutung den Quickborner Bauten des weltweit tätigen Architekten zukünftig zukommen wird.

Das Projekt findet in Zusammenarbeit mit dem Elsensee Gymnasium Quickborn und Kulturvermittlern des Landes Schleswig-Holstein statt, die als Expert*innen für Kulturerbe & Architektur, Foto & Film sowie Kommunikation & Medien das Projekt dauerhaft begleiten.

Träger des Projektes ist der gemeinnützige Verein „Kulturerben | Culture Heirs e.V., der sich die Vermittlung von Kulturerbe und Baukultur im Rahmen kultureller Bildung zum Ziel gesetzt hat.

Das Projekt wird vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein als Beitrag zum Europäischen Kulturerbejahr gefördert. Netzwerkpartner sind das Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein und die Richard J. Neutra Gesellschaft e.V.

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