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POSTINDUSTRIELLE STADT UND IHR ERBE IM 21. JAHRHUNDERT

Die europäische Stadt Europa-Universitaet Viadrina, Professur für Denkmalkunde

Die Tagungen des Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker*innen und Denkmalpfleger*innen werden seit 1995 jedes Jahr abwechselnd von polnischer und von deutscher Seite organisiert. Traditionsgemäß widmet sich jede Tagung einem besonderen Thema, auf dessen verschiedene Facetten die Vorträge eingehen. So wird es möglich, laufende Projekte vorzustellen und gemeinsam nach Lösungen von Problemen zu suchen, die im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs in Deutschland und Polen herausgearbeitet werden und das gemeinsame kulturelle Erbe betreffen. In den letzten zwei Jahrzehnten haben die zyklisch abgehaltenen Tagungen des Arbeitskreises als beispiellose Veranstaltungen zahlreiche anerkannte Forscher*innen aus deutschen und polnischen Einrichtungen auf sich aufmerksam gemacht. Auch Nachwuchswissenschaftler*innen sind willkommen und gewinnen somit die Möglichkeit, einen Vortrag zu halten und laufende Projekte mit anderen Forschern*innen zu diskutieren. Obwohl die Tagung im Namen des Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker*innen organisiert wird, ist sie eindeutig interdisziplinär ausgerichtet. Die eingeladenen Referent*innen und Teilnehmer*innen rekrutieren sich sowohl aus Kunsthistoriker*innen als auch Denkmalpfleger*innen, Historiker*innen, Architekt*innen, Geograph*innen, im Bereich der Multimedien tätigen Akteur*innen sowie Beamt*innen, für die insbesondere rechtliche Aspekte diskutierter Fragen von Interessen sind.

Die kommende 25. Tagung (11.10.2017 - 14.10.2017) findet in der polnischen Stadt Lodz statt und wird vom Zentralen Textilmuseum, von der Universität Łódź und vom polnischen Kunsthistorikerverband sowie, von deutscher Seite, von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) organisiert. Das Ziel der Veranstaltung ist Vergleich und Austausch von Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschungen zum Industrieerbe des 19. Jahrhunderts. Im Fokus stehen thematisch vor allem Städte auf dem heutigen polnischen Gebiet, die vor einem Jahrhundert zum deutschen Staat gehörten, sowie Regionen, in deren Wirtschaft den Deutschen eine große Bedeutung zukam (z. B. Lodz). Ausschlaggebend für die Relevanz des Tagungsthemas ist somit die Erinnerung an die zivilisatorische Rolle des deutschen Staates und dessen Vertreter bei der Industrialisierung der Gebiete östlich der Oder. Die postindustriellen Bauwerke sind heute vor allem als materielles Zeugnis zu betrachten, das von den jetzigen Besitzern und Verwaltern nicht immer genügend wertgeschätzt wird. Ihre Zukunft hängt von der Anpassungsfähigkeit an neue Funktionen, aber auch von die Sensibilisierung und Mobilisierung der lokalen Gemeinschaft ab.

Die Expansion der Industriestädte und die damit einhergehenden sozialen Umwälzungen stellten den Städtebau und die Architektur vor neue Aufgaben. Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation wurden neue architektonische Formen, Wohnbautypen, Baumaterialien und -technologien getestet. Die herrschende Aufbruchsstimmung diente als Inspiration für die bildende und angewandte Kunst. Die Vielfalt der zahlreichen künstlerischen Strömungen verdeutlicht die Bedeutung des Industriezeitalters für die Künste, ob es sich nun um die Fortsetzung vorangegangener Leistungen oder um innovative Maßnahmen handelte, die zum ersten Mal auf bestimmte Technologien oder Werkstoffe zugriffen und den Weg in die zeitgenössische Kunst ebneten (darunter Industriedesign, Photographie und Typographie).

Wenn wir über die Revitalisierung reden, denken wir insbesondere an die Architektur. Erhaltung, Sanierung und Revitalisierung des baulichen Erbes stellen heute eine große Herausforderung dar, besonders angesichts der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklungen in postsozialistischen Ländern in den letzten Jahrzehnten im Zusammenhang mit der Abkehr von der Fertigungsindustrie und der Schließung der Betriebe. Es zeigt sich, dass nicht nur großflächige Industrieanlagen und Gewerbegebiete selbst, sondern auch öffentliche Gebäude, Geschäfts- und Wohnbauten vom Leerstand und Verfall bedroht sind. Bemerkenswerterweise werden dabei nicht nur die neuesten Relikte der Vergangenheit, sondern auch staatliche und häufiger noch im privaten Besitz befindliche Denkmäler der ersten Industrialisierungsperiode vernachlässigt.

Von historischen Gegebenheiten in der Architektur, im Städtebau und in der Kunst der Industriestädte ausgehend, sollen auf der Tagung aktuelle Herausforderungen und Lösungsansätze zum Schutz und zur Erhaltung des postindustriellen Erbes sowie alternative nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten erörtert werden. Methodologisch ausgerichtete Beiträge sind ebenso erwünscht wie Fallbeispiele aus unterschiedlichen Industrieregionen Europas, die vergleichende Perspektiven eröffnen.

Vorgesehen sind folgende thematische Schwerpunkte:
• Industriestadt als kulturelles Erbe – theoretische Zugänge
• Vermittlung und Inwertsetzung des postindustriellen Kulturerbes – Konzepte und Strategien
• Herausforderungen im Umgang mit großen Industriegebieten
• Herausforderungen bei der Erhaltung und Revitalisierung des postindustriellen Erbes
• Städtebau, Architektur und Kunst in der sich wandelnden postindustriellen Gesellschaft

Zur Teilnahme an der Tagung werden Vertreter*innen der bedeutendsten Forschungseinrichtungen in Deutschland und in Polen eingeladen. Insgesamt erwarten wir 34 aktive Teilnehmer*innen (darunter Mitglieder des Arbeitskreises, eingeladene Expert*innen, im Zuge des Call for Papers ausgewählte Forscher*innen, Moderator*innen) sowie ca. 70 bis 100 Zuhörer*innen inklusive Studierende.

Im wissenschaftlichen Hauptteil der Tagung werden 17 Vorträge und 8 Nachrichten gehalten. Es finden auch die Vorlesung von Prof. Ewa Chojecka sowie die Präsentation statt, die von Prof. Dietmar Popp und von Wojciech Bałus gemeinsam vorbereitet wurde. Neben den polnischen Regionen (wie Großpolen, Schlesien, Pommern, die Lodzer Region) wird auch die Revitalisierung postindustrieller Städte und Regionen in Deutschland thematisiert. Wertvolle Vergleichsperspektiven ergeben sich aus Beiträgen zu ähnlichen Herausforderungen in Italien, in Estland und in der Schweiz.

Somit bietet die Tagung eine Plattform für Zusammenarbeit, Gedankenaustausch, wissenschaftlichen Austausch und Durchführung gemeinsamer Projekte. Ein bleibendes Ergebnis wird hierzu der Konferenzband, der an der Universität Lodz in Zusammenarbeit mit eingeladenen Forscher*innen erarbeitet wird. Die Publikation wird in den Bibliotheken an ausgewählten anerkannten Forschungseinrichtungen sowie in elektronischer Form in den Online-Volltext-Datenbanken zur Verfügung gestellt.

Die Tagung steht dem akademischen wie dem nicht-akademischen Publikum genauso offen. Die Besuchendenzahl wird durch die Vergabe von Freikarten ermittelt. Da einzelne Reden online gestellt werden, gibt die ZAhl der Besucher*innen der Webseite zusätzliche Auskunft hierzu. Das geplante Begleitprogramm umfasst 11 populärwissenschaftliche Vorlesungen, die in den Medien angekündigt wurden. Dadurch findet das grundlegende Anliegen der Tagung – der Schutz des gemeinsamen deutsch polnischen kulturellen Erbes – Verbreitung auch unter Einwohnern der heutigen polnischen Industriestädte.

Veranstalter: Zentrales Museum für Textilindustrie in Lodz, Arbeitskreis polnischer und deutscher Kunsthistoriker und Denkmalpfleger, Europa-Universität Viadrina Frankfurt an der Oder, Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Universität Lodz, Verband der Kunsthistoriker Niederlassung in Lodz, Magistrat der Stadt Lodz

Förderer: Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Stadt Lodz

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