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Rundlokschuppen der Ostbahn: Keulen zu Hanteln!

Europa: Austausch und Bewegung Kamswyker Kreis

Von den ersten Anfängen Englands bis ins letzte Gleisverzweig Brasiliens oder Sibiriens hatte die Eisenbahn des 19. Jahrhunderts ein universales Erkennungszeichen, prägnanter als jeder Prunkbahnhof und jede waghalsige Brücke: den Heizhausdom. Ein strahlenförmiger Kranz der Lok-"Ställe" um eine Drehscheibe angeordnet, darüber eine Kuppel, erst aus Holz, letztlich im filigranen Eisenguß. Ihr Höhepunkt, "Typ Schneidemühl", hatte bereits 1874 mit seiner Schwedler-Kuppel über Ganzlglas-Tambour Konstruktion, Schönheit und Zweck zu einer wahren Leistungsform gesteigert.

Ganz Deutschland kannte die Schneidemühler Kuppel, Berlin allein hatte ihrer neun - Pankow-Heinersdorf und Betriebsbahnhof Rummelsburg überdauerten als einzige im Land. Für beide liegen Abrissanträge vor: im Abseits seien sie, leer, bröckelnd, störend im Betrieb oder Umnutzung. Zugleich: eine bis heute gültige Technik- und Verkehrsleistung bescheinigt ihnen Jörg Schlaich, Londoner Roundhouse oder Luxemburger Rotundes schrieben bereits Kulturgeschichte. Mehr noch, die "verloren rumstehende" Berliner Kuppeln, zusammen mit denen in Schneidemühl, in Dirschau, Bromberg, Insterburg und St.Petersburg, zeichnen eine Perlschnur auf die Landkarte, eine grenzensprengende Entwicklungsader: die ehemalige preußisch-russische, nunmehr deutsch-polnisch-litauisch-russische Ostbahn! Die letzte Rundlokkuppel-Strecke Europas.

Rauchschale und Kristallrund für die Kunst des Lok-Maschinisten, für Tschernyschewskij, Nabokow und Wagner, aber auch Bismarck und Molotow. Gänse aus Gusow, Gemüse aus Golzow, schlesische Kohlen, Königsberger Maschinen fuhren hier im Paris-Berlin-Transsib-Takt - sie machen es heute wieder, allen Grenzverwerfungen und erzwungenem Stillstand zum Trotz! Bloß nicht durchgehend, noch nicht: an der Ostbahn fädelt sich die neue Seidenstraße ein, es sucht die kleine Landgemeinde Masurens die Hand ihrer Schwester in Nadrauen, und auch Geiger touren wieder... Man streckt einander die Arme entgegen, bildet einen (Gedanken-)Steg, eine Hantel, ein Kräftepaar - so will es die Eigenart auch an der verwaisten Bahn. Die Kuppeln wären dem Festpunkt, in allen Sinnen des Wortes, man geht an sie ran - hoffentlich nicht zu spät? Denn bleibt wo der Gegenpart aus, von sich aus zusammengestürzt oder überstürzt dem Betriebsfortschritt geopfert, wird aus Hantel schnell eine Keule...

Es ist in diesem Sinne, daß am 8.11.2011 "Projekt insterJAHR" (Berlin/Insterburg-Tschernjachowsk), "Stowarzyszenia parowozownia pilska Okrąglak" (Schneidemühl-Piła), die Berliner Baukammer, das Wojewodschafts-Denkmalamt Großpolen und das "Interlok"-Dampf-Ausbesserungswerk (Schneidemühl-Piła) zusammenkamen mit EVTZ Transoderana (Frankfurt/Oder), "...vom gemeinsamen Interesse bewegt, das historische Erbe unserer drei Länder zu bewahren und behutsam zu entwickeln" - die "völkerverbindenden Eisenbahnrundschuppen". Man nannte sich "AG 6 Ostbahn-Runde", oooooo.eu. Man sammelt seitdem Zeitungsstimmen und wirbt um Unterstützer, tritt auf Konferenzen gemeinsam auf und auf Reisemessen, stößt Projekte und Studien an, tauscht Erfahrungen aus und bringt Archivpuzzles zusammen. So konnte die Unterschutzstellung der polnischen und russischen Schuppen angestoßen werden, für die Insterburger Kuppel die denkmalgerechte "KFZ-Werkstatt mit Kulturanteil" konzipiert werden und für Schneidemühl die jüngste Dachsanierung. Im Raume steht der Aufruf des St.Petersburger ICOMOS und der Berliner Baukammer, die Bauwerksserie als ein Ganzes in die entsprechenden Registern als gesamteuropäisches Geschichts- und Kulturerbe einzutragen - man hört sogar von der Wiederbelebung der Ost-Fernbahn, mit unserer kleinen Stimme im Chor.

Eine Erkundungsfahrt Berlin-Königsberg ist für Juni 2018 vorgesehen, zwei Modellausstellungen - des Rundlokschuppens zu Pankow und eines Insterburg-Tschernjachowsker Zuges - sollen in den jeweiligen Kuppeln gastieren, begleitet von Vorträgen, Austausch, Begegnung: Keulen zu Hanteln!