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Verlorene Dörfer in Masuren – Ein Deutsch-Polnisches Friedhofsprojekt

Europa: Grenz- und Begegnungsräume Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus

Friedhöfe sind oftmals die letzten Zeugnisse, die von den am Ende des Zweiten Weltkrieges zerstörten masurischen Dörfern übriggeblieben sind. Versteckt in den tiefen Wäldern der Johannisburger Heide/Puszcza Piska im Nordosten Polens lassen sich ihre Überreste manchmal nur schwer von anderen Erhebungen im Waldboden unterscheiden. Moos, Büsche und Bäume haben die Reste der alten Ruhestätten in den vergangenen 70 Jahren überwuchert und verbergen die letzten Spuren der masurischen Bevölkerung, die im Süden der ehemaligen Provinz Ostpreußen, im Grenzgebiet zwischen Deutschen und Polen, über Jahrhunderte hinweg gelebt hat.

Die evangelischen Friedhöfe waren ein prägendes Element der Kulturlandschaft rund um die masurische Seenplatte. Jedes Dorf hatte seinen eigenen Friedhof, nicht selten verfügten auch einzelne Familien über einen eigenen Begräbnisplatz mit besonderen Gestaltungselementen. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und den politisch motivierten Versuchen der Nachkriegszeit, alle vermeintlich deutschen Spuren zu tilgen, führte auch gedankenloser Vandalismus zu einer massiven Schädigung. Dennoch geben die gebliebenen Überreste noch immer Auskunft von dem früheren Leben in dieser europäischen Region.

Lokale Initiativen vor Ort – der Verein Sadyba aus Kadzidłowo in Masuren und die Stiftung Borussia aus Olsztyn – bemühen sich heute, diese letzten Spuren zu sichern und durch Aufräumarbeiten, Dokumentation und Kennzeichnung auf das Kulturerbe der Region aufmerksam zu machen. Sie haben hierzu verschiedene internationale Workcamps durchgeführt. Seit zwei Jahren beteiligt sich die Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus in einem gemeinsamen deutsch-polnischen Kooperationsprojekt mit Studenten der Geschichtswissenschaft und der Landschaftsarchitektur der Universitäten Düsseldorf und Olsztyn an dieser Aufgabe. Im Rahmen von zweiwöchigen Workcamps legen die Studenten gemeinsam die alten Grabstellen frei, kartographieren den Aufbau der Friedhöfe und erforschen die Geschichte der ehemaligen Dörfer. Hierzu arbeiten die Studenten in deutschen und polnischen Archiven und können so Zusammenhänge zwischen den Archivalien und den Überresten vor Ort herstellen.

Die Ergebnisse dieser Kooperationsarbeit dienen auch der strukturellen und touristischen Entwicklung der heutigen Region: Unterstützt von der lokalen Oberförsterei werden die gewonnenen Erkenntnisse auf zweisprachigen Hinweisschildern präsentiert, die über die Geschichte der verschwundenen Dörfer und die Besonderheiten ihrer Friedhöfe informieren. Ein gut ausgebautes Fahrradwegenetz führt entlang der verlorenen Dörfer durch die Johannisburger Heide/Puszcza Piska und lädt über Informationstafeln zur Beschäftigung mit der Geschichte Masurens, seinen ehemaligen Dörfern und den übrig gebliebenen Friedhöfen ein.

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